Walter Kniebe

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Herbert Seufert
Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung Walther Kniebe in Bad Honnef 5. bis 16. Nov. 2006 durch den Honnefer Kunstverein


Wenn wir das Leben und das Werk Walther Kniebes betrachten, so finden wir trotz der unterschiedlichen Gestaltungen, wie sie hier zu sehen sind doch einen bemerkenswert konsequenten Entwicklungsweg, ausgehend von der Linie (Zeichnungen und Holzschnitte) über die lebendige Bewegung (Plastiken 5 und 6) hin zu starker Dynamik in seinen plastischen und graphischen Werken. Von dieser Entwicklung möchte diese Ausstellung Kunde geben.

Walther Kniebes Ausbildung begann 1908 in der Bildhauerklasse der Kunstgewerbeschule Düsseldorf unter Peter Behrens. Werke aus dieser Zeit gehen von der klassischen Formgebung des menschlichen Körpers aus, drängen aber schon früh in ausdrucksstarke Bewegtheit (Kat. 1). Bereits als Student wurde er zusammen mit anderen herangezogen eine Ausstellung im Mai 1909 mit eigenen Werken zu bestücken, deren Hauptteil von vielen berühmten Künstlern bestritten wurde. Nach seinem Studienabschluss 1912 arbeitete Walther Kniebe im eigenen Atelier in Düsseldorf, erhielt Aufträge u.a. für einen Brunnen in Düsseldorf, Figuren, Reliefs sowie für ein Portrait. Als 1914 im Mai die erste große Ausstellung der rheinischen Expressionisten zustande kam, stellte Walther Kniebe als einziger Bildhauer zwei Figuren aus, eine weibliche und eine männliche unter so bekannten Malern wie August Macke, Heinrich Campendonk, Heinrich Nauen, Carlo Mense, Max Ernst u.a. Eine Kopie des Ausstellungskataloges ist im Katalog unter Nr. 35 zu sehen. Die Gestaltung dieser beiden Figuren erinnert etwas an Wilhelm Lehmbruck, sodaß Hans Otten in seinen Erinnerungen an diese Ausstellung 50 Jahre später als Schöpfer dieser beiden Figuren Lehmbruck erwähnte.

Im ersten Weltkrieg hat Kniebe an der Front im Unterstand sieben Holzfiguren geschnitzt, die nur zum Teil und nicht unbeschädigt erhalten sind. Im Jahr 1917 entstanden eine Vielzahl von farbigen Zeichnungen, außerordentlich stark expressiv, nicht statisch, eher, ex- statisch mit betonter Linienführung und farbigen Akzenten (Kat.2) . Nach dem Krieg entstanden in den Jahren 1918 bis 1921 viele Holzschnitte, meist in Form von Zyklen zu bestimmten Themengruppen. Hier zeigt sich besonders die sichere Strichführung, die Linie und die große Gestaltungskraft (Kat.3).

Walther Kniebes Ãœbersiedelung nach Percha führte zu Kontakten mit der Münchener Sezession. Die nun einsetzende Schaffensperiode ist gekennzeichnet durch zahlreiche Skulpturen in gebranntem Ton, die alle menschlichen Körper in sehr stark expressivem Ausdruck zeigen und teilweise anknüpfen an die Zeichnungen vor 1917. Hier nun hat er seinen eigenen unverwechselbaren Stil gefunden. Daraus ergab sich die Ausstellung 1922 in Dresden, wo er mit Schmitt- Rottluff, Pechstein und einem weiteren Bildhauer zusammen ausstellte und dies für ihn den künstlerischen Durchbruch bedeutete (Kat. 5,6 und 7).

Es erfolgte der Umzug nach Radebeul bei Dresden, wo sich für ihn fortan besondere Möglichkeiten des Brennens seiner Tonplastiken ergaben. Walther Kniebes Vorstellung von dem, was man heute "Gesamtkunstwerk" nennt, führte zu weiteren, völlig anderen Gestaltungen. Die künstlerische Gestaltung eines Zimmers, bei welchem Wände, Tisch, Sessel, Bett, Tür und Fenster alles in Holz geschnitzt wurde, und dies in stark dynamischem Stil, war völlig neu. Ebenso die von ihm neu aufgegriffene Kleinkunst, skulpturierter Schmuck aus Bernstein und Gagat, sowie ein Kruzifix aus Serpentin (Kat.8) führten dazu, das Bernsteinmanufakturen seine Formen zu kopieren suchten. In diese Zeit fiel der Ruf nach Reydt bei Mönchengladbach, wo ihm der Auftrag gegeben wurde, ein Krieger- Ehrenmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges zu schaffen. Es sollte dies das größte Werk Kniebes werden! Für ihn konnte nur das Thema des Kampfes geistiger Mächte gegen die Widersacher in Frage kommen, also Michaels Kampf mit dem Drachen. Es entstand in vierjähriger Arbeit ein fünfzehn Meter hoher in Kupfer getriebene Plastik des Michael auf einem plastisch durchgeformten Betonsockel, der in sich einen krypta-artigen Raum umschloss, darin ein Gedenkraum mit zwei in Holz geschnitzten Figuren, einer Trauernden und einer Betenden. Der Raum mit dem Buch der Namen der Gefallenen wurde überhöht mit einem aus Halbedelsteinen gefertigten Mosaik, den Auferstandenen Christus darstellend und dem Schriftzug: Was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten, er ist nicht hier, er ist auferstanden (Kat.12). Nur acht Jahre konnten dieses Denkmal die Menschen anschauen, 1949 wurde es von den Nationalsozialisten als entartete Kunst abgerissen und das Kupfer der Kriegswirtschaft zugeführt.

Die Schaffensperiode in Reydt zeitigte außerdem noch zahlreiche Plastiken, teils in Holz geschnitzt, teils in Kupfer getrieben (Kat.11), teils in Keramik.

In diese Zeit fällt die immer stärker sich geltend machende Dynamik in der Formgebung, wie sie beim Michaeldenkmal in so hervorragender Weise zur Ausführung kam.

Prof. H. Lützeler von der Universität Bonn verfasste damals einen Aufsatz, in welchem er dieses Denkmal außerordentlich würdigte: "Kniebe weiß in echt plastischer Gestaltung eine Figur aus der Bewegung heraus entstehen zu lassen, ... in dieser Weise eine dynamische Plastik zu schaffen." Man kann in dieser Formenwelt von Kniebes Plastiken aus dieser Zeit eine gewisse Verwandtschaft zu Barlach entdecken, was dazu führte, dass man in der Kunstwissenschaft Walther Kniebe zwischen Lehmbruck und Barlach einordnete.

Die Kräfte Licht und Finsternis, wie sie im Denkmal zum Ausdruck kamen, hat Walther Kniebe nun auch in graphischen Arbeiten dargestellt. Es entstand der so genannte "Lichtzyklus", sieben Kohlezeichnungen mit Themen aus dem Alten und dem Neuen Testament, welche anschließend auch als Radierungen zur Ausführung kamen (Kat.13, 14). Es sind zwei der Kohlezeichnungen, zwei Orginaldrucke der Radierungen und einen Neudruck von einer der noch erhaltenen Kupferplatten.

Noch einmal hat Walther Kniebe den Holzschnitt aufgegriffen, diesmal nicht so sehr im Linearen wie 1918 bis 1921, sondern den Umraum um die Figuren in bewegten Formen mit in die Gestaltung mit einbeziehend.

Auch das Thema "Blätter vom Kriege" griff er noch einmal auf in den großen Kohlezeichnungen 1934 (Kat.17,18) wie eine Mahnung, das deutliche Säbelrasseln der Zeit nicht zu überhören. Ein Grund dafür war wohl auch, dass die Beeinträchtigungen für Künstler spürbar wurden.

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Licht und Finsternis anhand der beiden Schwarz-Weiß-Zyklen führte Walther Kniebe stärker zur Farbe hin und zu Goethes Farbenlehre, den Taten und Leiden des Lichts. Er äußerte sich einmal so, dass er zwischen dem Schwarz und dem Weiß die Farbe ahnt, so wie wenn man durch ein Prisma blickend die Regenbogenfarben sieht. Zahlreiche Blätter sind erhalten, auf denen seine Versuche mit Pastellkreide, Ölkreide, Aquarell und Rötelstift die angestrebten Ausdrucksformen zu verwirklichen suchen. Daraufhin entstandene Bilder sind den damaligen Möglichkeiten entsprechend nur als Schwarzweiß- Foto erhalten.

Nachdem nun die Beeinträchtigung seines Schaffens durch die Nazis zunahm, zog sich Walther Kniebe aus Reydt zurück und übersiedelte nach Bad Honnef ins Mucherwiesental. In dem Zusammenhang ging er zahlreicher plastischer Werke verlustig. In der Zurückgezogenheit des stillen Mucherwiesentales baute er eigenhändig ein neues Atelier, eine Keramikwerkstatt und einen landwirtschaftlichen Betrieb nach biologisch- dynamischer Wirtschaftsweise auf.

Trotz des vollen Einsatzes im Aufbau des Ateliers ruhte sein künstlerisches Schaffen nicht, weitere Versuche in Farbe folgten. 1937 bis 39 kam noch einmal eine bedeutende Phase bildhauerischen Schaffens, in welcher Tonplastiken entstanden, wie man sie im Katalog Nr.19 bis 25 sehen kann. Die Figuren werden jetzt ruhiger, abgeklärter, entbehren jedoch nicht der Dynamik, die sich in der Gestaltung des Umraums, der Gewandung kundtut. Die beiden Portraitköpfe zeugen von der großen Könnerschaft, außer der Naturtreue vom Wesen der Persönlichkeiten etwas mit hineinzugestalten.

Die Madonna mit dem Häschen (Kat. 23) ist die Vorstudie zu einer größeren in Holz geschnitzten Figur, die leider im Krieg in Dortmund verbrannt ist. Sie stand im Wartezimmer eines bekannten Arztes. Menschen, die damals als Kinder lange Wartezeiten verbringen mussten, erzählten: "unter dieser Madonna haben wir uns nie gezankt!"

Der oben erwähnte Verlust von Plastiken beim Verlassen Reydts war nicht der einzige; durch Bombenangriffe gingen etliche Werke verloren. Das Schmerzhafteste für Walther Kniebe war jedoch der schon erwähnte Abriss seines größten Werkes, dem Michaeldenkmal. Als Walther Kniebe davon erfuhr, eilte er hin und bat darum, wenigstens den Kopf des Michael behalten zu dürfen. Auch das wurde ihm verwehrt. Die beiden Holzfiguren sind verschollen, lediglich von den Halbedelsteinen des Mosaiks, konnte er sich etwas retten. Man muss den tiefen Schmerz über den Verlust und auch über seine Ächtung als Künstler nachempfinden, um zu verstehen, dass Walther Kniebe fortan sehr zurückgezogen lebte und mancher Honnefer nichts von der Existenz dieser bedeutenden Künstlerpersönlichkeit wusste.

Ab 1940 hat sich Walther Kniebe ausschließlich der Malerei zugewandt. Aus den Versuchen, in der Malerei die Transparenz des Aquarells und doch die Farbintensität der Ölfarbe zu erreichen, entwickelte er seine Öltempera- Technik, indem er stark verdünnte Ölfarben Schicht um Schicht auftrug, bis die gewünschte Intensität erreicht war und doch die Helligkeit des Untergrundes mitsprechen konnte bei den "Taten und Leiden des Lichtes". Die ersten Bilder wurden auf Leinwand gemalt (Vogesenlandschaft, Kat.26). Drei Bilder dieser Art entstanden, dann aber störte die Leinwandstruktur und Walther Kniebe bevorzugte Malerei auf Papier. Ab 1946 setzte eine unglaubliche Kreativität im Malen ein, die zunächst noch in verhalteneren Farbgebungen gemalten Bilder wurden immer farbintensiver, wie an dem Bild Zirkus (Kat.34 ) zu sehen ist. Das "Malen aus der Farbe heraus" geschah dann auch mit ungemischten Farben: das Grün entstand durch Ãœbermalen mit Blau, das Violet durch Blau mit Rot usw., was eben nur mit transparenten Farben möglich ist. Die beiden Bilder "der Maler" (Kat.28) und "der Elias" (Kat.27) stellen gewissermaßen Höhepunkte dar in dem, was an Farbintensität und Formgebung erreicht wurde. Was Walther Kniebe im Frühwerk mit großartiger Sicherheit in der Strichführung das Lineare in den Vordergrund rückte, das wandelte sich nun um, in dem die Farbperspektive und das Entstehen der Form durch die Farbe die Linie auflöste. 

In den meisten Bildern entdeckt man immer noch den Bildhauer, die großen Formate der Bilder scheinen manchmal noch zu klein für das, was an Gestaltung ins Bild drängt. Walther Kniebes Bilder behandeln vielfach Themen aus dem Alten und dem Neuen Testament, womit er sich zeitlebens intensiv beschäftigte. Jedoch sind ebenso zahlreiche Themen wie "Zirkus" (Kat.34), "Bajazzo" , "Spuk im Atelier" (Kat.33), "der Fährmann", Bilder zu Goethes Märchen und immer wieder "der Maler" in verschiedenen Versionen. Allerdings ist nie ein Selbstportrait entstanden, obwohl ihm –leider nur ein einziges Mal- das vortreffliche Portrait eines Freundes gelang.

Walther Kniebes letzte Bilder, über achtzigjährig gemalt, haben zum Thema "der Weg ins Freie" bezeichnend für den Erdenabschied. Sein letztes Bild heißt "das Grab ist leer", die Frauen am Grabe Christi.

1970 verstarb Walther Kniebe mit sechsundachtzig Jahren auf der Mucherwiese in seinem Atelier. Wenn ich jetzt weniger von Walther Kniebes Leben und mehr von den Werken gesprochen habe, so geschah dies, um Ihnen einen Wegweiser durch die hiesige Ausstellung zu geben, die uns dankenswerterweise durch den Honnefer Kunstverein ermöglicht wurde.

Zum Schluß möchte ich nicht versäumen darauf hinzuweisen, dass nunmehr im Museum Schloss Moyland etliche Werke von Walther Kniebe beheimatet und an exponierter Stelle ausgestellt sind: Bilder, Holzschnitte, Zeichnungen und Bronzeabgüsse. Und hiermit möchte ich das Wort an Herrn Dr. Mannheim, dem Museumsdirektor von Schloß Moyland das Wort übergeben.